2. Oktober 2021 (Wohnungspolitik)

Eine Landmarke verschwindet

Als 1969 die ersten MieterInnen einzo-gen, war das Hochhaus in der Kielstraße 26 in der Nordstadt ein moderner Bau, später stand es als Mahnmal für die Folgen wilder Immobilienspekulation. Nach fast 20 Jahren Leerstand und jahrelanger Bemühungen der Stadt sind Anfang des Jahres erst die Gerüstbauer, dann die Sanierer, dann riesige Kräne angerückt. Ende des Jahres wird das „Horrorhaus“ Geschichte sein. Und ein Neuanfang.

Foto: Alexandra Gehrhardt

Foto: MVDO

Auf der einen Seite des Hauses stehen noch die steinerne Tischtennisplatte und die Bank unter dem dichten Ahorn, der im Sommer Schatten spendet. Als das Hoch­haus noch bewohnt war, war hier tags­über sicher eine Menge los, haben Kinder gespielt, Eltern sich ausgeruht. Das Haus ist schon lange nicht mehr bewohnt; und nach fast 20 Jahren Leerstand wird es jetzt abgerissen.

Ein Blick zurück: Im Herbst 1969 ziehen die ersten Menschen in das Hochhaus an der Kielstraße 26 ein. 102 moderne Wohnungen auf 16, 17 und 18 Etagen, öffentlich gefördert und preisgebunden für Menschen mit geringem Einkommen. Eigentümerin ist das gemeinnützige Unternehmen VEBA Westfälische Wohnstätten, im Ruhrgebiet im Werkswohnungsbau tätig. Der Zwilling auf der anderen Straßenseite schräg gegenüber ist bis heute im Eigentum der DOGEWO21.

Mitten in der Wohnungskrise der frühen 1990er die Schlagzeile: "Wohnturm an Kielstraße wird verkauft", stand in der Westfälischen Rundschau. Zu dieser Zeit waren in Dortmund 6.000 Menschen bei der Stadt als wohnungssuchend gemel­det. Der Mieterverein warnte vor einem "regelrechten Absturz", die WR fürchtete: "Dadurch drohen [...] die Mieter von 102 Wohnungen zum Spielball von Speku­lanten zu werden." Die VEBA verkaufte trotzdem und setzte einen Spekulations­prozess in Gang, der fast mustergültig ist.

1993 kaufte ein Ehepaar das Hochhaus, zahlte die öffentlichen Fördermittel zurück, und verkaufte es innerhalb weniger Wochen an die Burbaum, Bieg & Nikolov GbR aus Heilbronn weiter. Das Haus wird, zumindest wirtschaftlich, in seine Einzel­teile zerlegt, jede Wohnung wird für sich auf den Markt geworfen, inklusive den noch dort wohnenden Menschen und den noch laufenden Sozialbindungen. Große Wohnungen sollen 161.000 DM kosten, die kleineren 90.000 DM, ein Gesamt­preis von 11,4 Millionen DM. Doch soviel sind die Wohnungen gar nicht wert. Der langjährige Sprecher des Mietervereins Helmut Lierhaus schrieb an die VEBA: "Ihre Vorstellung von freier Marktwirtschaft, in der Sie jedes Ihrer Häuser verkaufen kön­nen, wann und an wen Sie wollen, sind angesichts der 102 Haushalte, die alles andere gebrauchen können als ein paar Glücksritter, [...], gescheitert."

Doch über den Wunsch nach einer Im­mobilie als lukrativer Kapitalanlage fielen nötige Investitionen hinten über und Reparaturen einfach aus. Das Haus geriet zunehmend in Schieflage, Eigentümer zahlten die Kredite, die Energieabschläge und die Grundsteuern nicht mehr. Immer mehr Menschen zogen aus. 2001 stieg die Hausverwaltung aus, 2002 stoppteDEW21 die Energielieferungen. Im No­vember räumte die Stadt das Gebäude und nahm es vom Versorgungsnetz. Seitdem ist es ein Symbol für die Folgen überhitzter Spekulation.

Zuerst gab es Ideen, das Hochhaus wieder fit zu machen und einen Investor zu finden. Der Plan scheiterte. 2006 wurde dann der Abriss beschlossen. Doch wie, wenn ein einziges Haus mehr als 40 Eigen­tümer hat? Die Stadt legte los und kaufte Wohnung um Wohnung zurück. Das zog sich, denn es mussten Eigentümer ermittelt und gefunden und Besitzverhältnisse mit Schuldnern und Gläubigern geklärt werden, erst 2019 war der letzte Kauf abgeschlossen. Ein jahrelanger, aufwän­diger Prozess, der ohne die ungezügelte Spekulation der 1990er­Jahre wohl nicht nötig gewesen wäre.

Abschied und Neustart

Jetzt ist das letzte Kapitel des Hauses aufgeschlagen: ein Gerüst umhüllt die 18 Etagen, außen und innen wird eifrig der Abriss vorbereitet, Stück für Stück wird das "Horrorhaus" in den nächsten Monaten abgetragen. Vorher führen BauarbeiterInnen eine Schadstoffsa­nierung durch, weil einige Materialien, die im Haus in den 1960ern verwendet wurden, asbesthaltig sind. Mit 350 bis 400 bar Wasserdruck werden die Wände bearbeitet, um alle Schadstoffe zu beseitigen. Denn der Beton soll recycelt werden, dazu muss er sauber sein. "Wir braucht ungefähr eine Woche, um eine Etage mit sechs Wohnungen zu sanieren", sagt Manfred Vogl vom Abbruchunternehmen AWR. Alles geschieht unter Vorsicht, es gibt eine Schleuse für das schadstoffhaltige Material und eine für die Mitarbeiter, damit auch sie keine Stoffe nach draußen tragen.

"Wir lassen sechs Etagen Abstand zum anderen Trupp, als Sicherheitsabstand", so Vogl. Ist dieser Vorgang abgeschlossen, wird von oben Stück für Stück abgerissen. Ein Großprojekt, nicht nur handwerklich, sondern auch logistisch.

Drei Millionen Euro hat die Stadt aus Städtebau-Fördermitteln von Bund und Land für den Rückkauf und den Abriss erhalten, 600.000 Euro zahlt sie selbst. Darum soll auch die zukünftige Nutzung eine öffentliche sein. "Wir könnten uns zum Beispiel eine Kita vorstellen", erklärt Susanne Linnebach, Leiterin der Stadterneuerung. Denn von denen gibt es in der kinderreichen Nordstadt nach wie vor zu wenige. Konkrete Pläne will die Stadt erarbeiten, wenn der Abriss vollendet ist. "Ich denke, dass wir Ende des Jahres mehr wissen", so Linnebach. Dann startet eine neue Geschichte in der Kielstraße 26.

Autorin: Alexandra Gehrhardt, erschienen in Mieterforum Nr. 64 II/2021

Früherer Artikel:Kielstraße: Bye bye, „Horrorhaus“


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